Das Bertolotti-Syndrom – ein unterschätzter Auslöser von Rückenschmerzen
Shownotes
Prof. Dr. med. Christian Woiciechowsky Privatpraxis für Neurochirurgie, Rücken- & Sportmedizin und Schmerztherapie Tauentzienstr. 7B/C 10789 Berlin Tel.: 030 26396480 oder 030 89048503 FAX: 030 263964811 WhatsApp: https://wa.me/message/5XRR2QVMDOZ2J1 email: prof@woiciechowsky.de www.neurochirurgie-berlin.org www.kreuzschmerzen.org https://www.youtube.com/c/SpineExpert https://x.com/SpineBerlin https://www.facebook.com/Rueckenzentrum.Berlin https://www.instagram.com/spineexpert
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Bertolotti-Syndrom – Wenn ein zusätzlicher Wirbel Rückenschmerzen macht“
🎧 Intro: Guten Morgen, Guten Tag, Guten Abend, vielleicht auch Gute Nacht, wenn Sie den Podcast zum Enischlafen hören, willkommen zurück zu einer neuen Folgen unserer Rückenpodcast..
Es ist Weihnachtszeit und viele sind sicherlich bereits weihnachtlich gestimmt. Deshalb habe ich heute einen kurzen Podcast zu einem Nischenproblem gewählt, also eine Sache, die sicher nicht all zu viele Patienten betrifft. Aber es ist auch wichtig seltene Probleme zu nennen, denn ich möchte gern alle abholen. Auch wenn, es vielleicht hier nicht so viele Klicks geben wird, wie zum Beispiel beim Bandscheibenvorfall oder der PRT. Heute geht es um ein seltenes, aber häufig übersehenes Krankheitsbild – das sogenannte Bertolotti-Syndrom. Eine anatomische Besonderheit im unteren Rücken, die bei vielen Menschen völlig symptomlos bleibt, bei anderen aber chronische Schmerzen verursachen kann.
🧠 Was ist das Bertolotti-Syndrom? Das Bertolotti-Syndrom wurde bereits Anfang des 20. Jahrhunderts beschrieben. Mario Bertolotti war ein italienischer Arzt. Er veröffentlichte 1917 eine Arbeit, in der er den Zusammenhang zwischen lumbalen Übergangswirbeln
und chronischen Rückenschmerzen darstellte.
Beim Bertolotti-Syndrom ist der letzte Lendenwirbel, also L5, anatomisch verändert. Er kann entweder teilweise oder vollständig mit dem Kreuzbein verwachsen sein.
Mediziner verwenden heute dafür die sogenannte Castellvi-Klassifikation, um die verschiedenen Ausprägungen zu kategorisieren. Antonio Castellvi war ein Orthopäde, der 1984 ein radiographisches Klassifikationssystem beschrieb, das vier Typen von lumbossakralen Übergangswirbeln auf der Basis morphologischer Merkmale identifiziert
Typ 1: Der Querfortsatz ist einfach nur vergrößert, aber es gibt noch keine Verbindung zum Kreuzbein.
Typ 2: Es bildet sich ein unvollständiges Gelenk zwischen dem Querfortsatz und dem Kreuzbein – man spricht von einer Pseudarthrose.
Typ 3: Der Querfortsatz ist vollständig mit dem Kreuzbein verwachsen – eine knöcherne Verschmelzung.
Typ 4: Eine Mischform, bei der auf einer Seite Typ 2 und auf der anderen Seite Typ 3 vorliegt.
Bertolotti erkannte, dass diese angeborene anatomische Variante bei manchen Menschen eine relevante Schmerzquelle sein kann – ein damals neuer und wichtiger Gedanke.
Damit legte Bertolotti den Grundstein für das heutige Verständnis, dass:
nicht jede anatomische Auffälligkeit krankhaft ist,
Übergangswirbel jedoch unter bestimmten Umständen Schmerzen verursachen können,
und eine gezielte Diagnostik nötig ist, um Ursache und Zufallsbefund zu unterscheiden.
🔍 Wie äußert sich nun das Bertolotti-Syndrom, wo sitzen die Schmerzen? Patientinnen und Patienten berichten meist über tief sitzende Rückenschmerzen, die nicht selten in das Gesäß oder den Oberschenkel ausstrahlen. Auffällig ist, dass die Beschwerden oft einseitig sind und sich durch längeres Sitzen, Stehen oder bestimmte Bewegungen verstärken können.
Interessanterweise bleibt allerdings - wie bereits erwähnt - diese Fehlbildung bei vielen Menschen ein Zufallsbefund – also sichtbar im Röntgen oder MRT, aber ohne Beschwerden. Deshalb ist die Kunst, herauszufinden, ob das Bertolotti-Gelenk tatsächlich die Schmerzquelle ist. Wir haben auch schon mehrfach betont, dass Rückenschmerzen viele Ursachen haben können und die Bilddiagnostik uns auch in die Irre führen kann. Deshalb muss man akribisch wie ein Detektiv sein, um die wahre Ursache von Rückenschmerzen zu finden und nicht auf Bilder reinzufallen
🧪 Wie stellt man nun die Diagnose? Die Bildgebung, vor allem ein Röntgenbild oder MRT der Lendenwirbelsäule, zeigt die typische Verbindung zwischen L5 und dem Kreuzbein oder Becken. Doch: Der bildgebende Befund allein reicht nicht! Das haben wir schon festgestellt
Um zu prüfen, ob das Pseudogelenk wirklich die Schmerzen verursacht, setzt man diagnostische Infiltrationen ein – also gezielte Testinjektionen mit Lokalanästhetikum an die Kapselnerven. Wenn sich die Schmerzen dadurch vorübergehend bessern, gilt die Diagnose als bestätigt.
Ergänzend kann auch Ultraschall-Elastographie oder Thermographie helfen, um Entzündungszeichen oder einseitige Überlastungen zu erkennen.
💉 Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es? Wenn das transitional Gelenk tatsächlich die Schmerzquelle ist, stehen mehrere konservative Therapien zur Verfügung:
Gezielte Injektionen mit Lokalanästhetikum und Kortison zur Bekämpfung der entzündlichen Veränderungen und der gereizten Nerven
Physiotherapie zur Verbesserung der Muskelbalance
Denervationen – also das gezielte Ausschalten schmerzleitender Nerven
Behandlungen mit plättchenreichem Plasma (PRP), wenn Entzündungen im Gelenk bestehen. Dadurch können längerfristig Entzündungsprozesse mit körpereigenen Mitteln kontrolliert werden. Wirkt langfristig besser als Kortison
Eine Operation ist nur dann zu erwägen, wenn konservative Maßnahmen keine Wirkung zeigen und die Schmerzquelle eindeutig bestätigt wurde. In solchen Fällen kann eine endoskopische Gelenkbehandlung – etwa das Abtragen und Schrumpfen der Gelenkkapsel ound Spülen entzündeter Gelenksanteile sowie Verödung der das Gelenk versorgenden Nerven im Sinne einer Denervation– sinnvoll sein. Diese Eingriffe sind heute minimalinvasiv und risiko- und komplikationsarm und im Sinne einer Komplexbehandlung sehr effektiv
📊 Warum ist das Bertolotti-Syndrom oft übersehen? Weil Rückenschmerzen viele Ursachen haben – von Bandscheibenproblemen bis hin zu muskulären oder faszialen Faktoren. Das Bertolotti-Syndrom ist eine mögliche, aber seltene Ursache, und ohne gezielte Diagnostik bleibt es leicht unentdeckt. Aus Erfahrung kann man sagen: Viele Menschen haben ein Bertolotti-Gelenk, aber keine Schmerzen. Deshalb gilt: Nicht jeder anatomische Befund ist auch pathologisch relevant.
🔎 Fazit: Das Bertolotti-Syndrom ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie Anatomie und Schmerz zusammenhängen können – und wie wichtig eine individuelle, präzise Diagnostik ist. Nur wenn klar ist, woher der Schmerz wirklich kommt, kann eine gezielte und erfolgreiche Behandlung erfolgen.
🎧 Outro: Das war unsere heutige Folge über das Bertolotti-Syndrom – ein eher seltenes, aber spannendes Thema in der Wirbelsäulenmedizin. Wenn Sie mehr über Rückenschmerzen, Bandscheibenvorfälle oder moderne endoskopische Therapien erfahren möchten, abonnieren Sie gern unseren Podcast. Ich wünsche Allen eine erholsame und stressfreie Weihnachtszeit und einen guten Rutsch in Neue Jahr. Ich werden die nächste Folge im neuen Jahr machen und mich auch erstmal etwas erholen und die Zeit im Kreise der Familie genießen
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